Fantasy für Anfänger

Mit fantastischer Literatur kann man phantastische Umsätze machen. Das merken nicht nur Buchhandlungen, sondern auch Bibliotheken. Fantasy-Fans sind Vielleser. Ein Grund, weshalb es in der Fantasy-Literatur viele Mehrteiler gibt. Für alle, die sich nicht durch seitenmächtige Werke quälen wollen, gibt es Alternativen. Ich stelle einige Neuerscheinungen vor, die auch Fantasy-Anfänger begeistern dürften. Als Vielleserin habe ich wenig Geduld mit 1000-Seiten-Mehrteilern, trotzdem fasziniert mich das Genre Fantasy durch die überbordende Imaginationskraft der Autor/innen mit mitreißenden, humorvollen, und emotionalen Geschichten. Auch kam in den letzten Jahren Bewegung rein mit neuen Themen, Helden und Erzählformen. Wer mal schnuppern will in die literarischen Kopfgeburten der Zauberwesen, voila!
Andrea Däuwel-Bernd

Das Unbekannte in der Kanalisation – Urban Fantasy

Urban Fantasy gehört zu den populärsten Spielarten des Genres. Die Handlung findet im modernen städtischen Raum statt. Bekannte Autoren sind Ben Aaronovitch, der es mit der Reihe um den Zauberlehrling Peter Grant bei der Londoner Polizei, Band 1: „Die Flüsse von London“, regelmäßig auf die Bestsellerlisten schafft und Benedict Jacka, der nach „Das Labyrinth von London“ in der Alexus Verus-Reihe mehrere Folgebände veröffentlicht hat. Aber es muss nicht immer die englische Hauptstadt als Pflaster für Urban Fantasy herhalten. Bei Lisa Maxwell mit ihrer Reihe „Die Rätsel des Ars Arcana“ ist man gut aufgehoben. Erfrischende Geschichte, die in einem tollen Setting, nämlich New York, stattfindet. Spannend und mit subtilem Humor, manchmal skurril, werden fantastische Elemente mit modernem Lebensgefühl verknüpft und die Geschichten beziehen ihre Faszination aus dem Einbruch magischer Elemente in einen gegenwärtigen Alltag.

Queen Victoria, Dampfmaschinen und magischer Schwarzwald

Steampunkt nennt sich die Fantasy-Unterart, die oft in einer pseude-viktorianischen Epoche spielt, in der dampf- und zahnradgetriebene Maschinen im Retro-Look durch die Luft fliegen oder als Zeitmaschine fungieren. Auf dem deutschen Buchmarkt ist diese Richtung nicht so populär und deshalb gibt es nur wenige Titel im Bestand der Stadtbibliothek. Ein Geheimtipp ist die deutsche Autorin Anja Bagus, In ihrer Aetherwelt an der Wende zum 20. Jahrhundert gibt es sowohl Automobile mit Aethereinspritzung, als auch Naturgeister, geheimnisvolle Apparate und religiöse Fanatiker. Ein besonderes Bonbon für Leser/innen: Der Roman „Waldesruh“ spielt gleich bei uns „ums Eck“, nämlich im Schwarzwald!

Darf es auch Horror sein?

Dark Fantasy besticht durch die unheimliche bedrohliche Atmosphäre. In klassischen Horrorgeschichten trifft das „Böse“ die Protagonisten in der realen Welt unvorbereitet. Fantasyhelden dagegen sind das „Andere“ schon gewöhnt und werden deshalb beim Zusammentreffen mit dem Bösen nicht wirklich überrascht blinzeln. Ein Meister dieser Spielart ist Brent Weeks mit seinen Romanen, zum Beispiel  der „“Licht-Saga“.

Halb und halb: Mystery

Jess Kidd ist meine Lieblingsautorin im Bereich Mystery. Sie wuchs in Irland auf und hat für ihre Erzählungen die Mythen ihrer Kindheit aufgegriffen. Das neueste Buch heißt „Die Ewigkeit in einem Glas“: Privatdetektivin sucht 1863 in London nach einem vermissten Mädchen, trifft Schurken, Geister und seltsame Wesen. Ein Abenteuer mit Spuk, Humor und Mystik und „Muss“ für alle, die Sherlock Holmes-Geschichten lieben. Auch ihre beiden älteren Romane „Ein Freund der Toten“ und „Heilige und andere Tote“ mag ich sehr. Sie leben von einer unbändigen Fantasie und einer ganz besonderen, eigenen Sprache.

Wanderungen zwischen den Genres

In den letzten Jahren kann man den Trend beobachten, dass es Erzählungen gibt, die Fantasy- und Science-Fiction-Elemente genreübergreifend enthalten und dass sich die Fantasy für neue Stoffe öffnet. Innovativ ist da die Autorin Becky Chambers mit der Wayfarers-Reihe. Band 1 heißt „Der lange Weg zu einem zornigen kleinen Planeten“. Hier herrscht Multikulti im Weltraum pur, es geht um das Zusammenleben verschiedener Spezies.

Neue Helden braucht das Land

Diversität ist angesagt und zieht auch bei Fantasy-Literatur ein. Wo früher Hobbits, Elfen, Zwerge und Orks die Rollenklischees bedienten, tummeln sich heute Literaturprofessoren und Anwälte, wie in „Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep“ oder rachelustige Revolverheldinnen wie in „Sieben Schwarze Klingen“. Hier wurden ganz pfiffig Western-Elemente eingearbeitet. Tierisch wird es beim Weltuntergang, wenn die Krähe Shit Turd in „Hollow Kingdom“ ums Überleben kämpft. Orientalische Wüste anstatt mittelalterliche Burgen bietet Akram El-Bahay mit „Die Bücherstadt“ und zwei Folgebänden. Gerade unkonventionelle Held/innen und Landschaften bieten pures Lesevergnügen und viel zum Nachdenken.

Mädchen mit Vampir – Romantasy

Romantasy mischt romantische und phantastische Elemente. Ehrlich gesagt, ist es nicht so mein Ding. Schon die Biss-Reihe von Stephenie Meyer ließ ich links liegen. Viel Herzprickeln, Schmetterlinge-im-Bauch, erster Kuss, fast immer aus der Sicht einer weiblichen Hauptfigur, umschwirrt von liebestollen Vampiren, Werwölfen, Dschinns oder Dämonen. Das kann dann entweder Urban-Fantasy sein, z.B. die Reihe “Götterfunke” von Marah Woolf, oder orientalisch angehaucht wie in „Ein Kuss aus Sternenstaub“ von Jessica Khoury. Gängige Rollenklischees sind gang und gäbe. Wer da drüber raus ist, findet einen Alternative mit Christian Handel „Rowan und Ash“, dort geht es um eine homosexuelle Beziehung.

Serienleid und Serienfreud

Es macht mich wahnsinnig, nicht zu wissen, wie „Game of Thrones“ im Buch wirklich ausgeht. Nachdem die TV-Serie zum Ende kam, wartet die Fangemeinde von G.R.R. Martin immer noch. Ob sich das Autoren-Ende vom Film-Ende unterscheidet? Andere Mehrteiler, auf die ich hin fiebere, sind Lieblingsautor Patrick Rothfuss mit „Der Name des Windes“ und Miles Cameron „Der rote Krieger“. Mensch Leute, habt Erbarmen und schreibt endlich weiter! Das erfrischend pure Gegenteil ist der schreibgewaltige polnische Autor Andrzej Sapkowski. Seine Reihe um den Hexer Geralt von Riva wurde über Computerspiele bekannt und hat durch die Netflix-Serie neuen Auftrieb erhalten. Sapkowski arbeitet slawische und osteuropäische Mythen und Volksmärchen in seine Sagenwelt ein und die Frauengestalten dort lassen sich nicht die Butter vom Brot nehmen.

Fantasievoll spielen

In meiner Jugend saßen wir in der Bude und spielten Fantasy-Rollenspiele mit Würfel, Aktionskarten, Stift und Papier – Paradebeispiel „Dungeons und Dragons“. Unwillkürlich muss ich an die TV-Serie Big Bang denken. Sheldon und seine Freunde sind das beste Beispiel dafür, dass ein Abend mit solchen Rollenspielen große Freude bringen kann 😉 Auf jeden Fall gibt es in der Stadtbibliothek klassische Fantasy-Brett- und Kartenspiele, mit denen man am Esstisch fantastisch fighten kann. Wer es ausprobieren will: Für Einsteiger zu empfehlen ist der Klassiker „Die Werwölfe von Düsterwald“, nicht zu komplex und kann mit größeren Gruppen gespielt werden. Eher in Richtung Strategiespiele geht „Das Grimoire des Wahnsinns“.
Die Verlage haben das Potential des Cross-Over zwischen Literatur und Spiel erkannt. Deshalb plant der Ludwigsburger Comic- und Roman-Verlag Cross Cult für 2021 eine neue Romansparte. Zusammen mit Spieleverlagen will er Romane zu bekannten Brettspielen veröffentlichen. Ganz sicher eine Chance, durch das Spielen zum Lesen anzuregen!
Auch Konsolenspiele dürfen nicht vergessen werden. „Hast du Tipps für empfehlenswerte Fantasy-Konsolenspiele abseits von der üblichen Adventurewelt?“ fragte ich die zuständige Lektorin. Und bekam prompt Antwort: „Concrete Genie“  und „Dreams“ seien Playstation-Spiele mit originellen Helden und Inhalten. Beide Spiele wurden ausgezeichnet.
„Concrete Genie“ ist ein Action-Adventure-Spiel über einen Jungen, der seine Zeichnungen zum Leben erwecken kann und dabei von Dschinns unterstützt wird. Rätseln, Zeichnen und Wünsche erfüllen machen einen großen Teil des Spiels aus. Bei „Dreams“ handelt es sich um ein Konsolenspiel, das den Fokus auf nutzergenerierte Inhalte legt. Die Umgebungen und Herausforderungen werden von den Spielern kreiert und selbst Erstelltes kann mit Mitgliedern des Online-Community geteilt werden.
Und schon sind wir dabei, Fantasywelten nicht mehr nur zu konsumieren, sondern selbst zu erfinden! Es lebe die Kraft der Imagination!

Andrea Däuwel-Bernd

Fotos und Titelfoto: (c) pixabay