Gemeinsam InTakt – mit Veeh-Harfen® die Welt der Musik entdecken

von Tanja Schleyerbach.

Die Idee

Es war im Februar 2014, als ich zum ersten Mal eine Veeh-Harfe® spielte und ihr Klang mich ergriff. Mir war klar, dass es nicht die jahrzehntelange Musiziererfahrung war, dass ich gleich beim ersten Versuch gut mit ihr zurechtkam. Mich faszinierte die Möglichkeit, auch ohne Notenkenntnisse sofort ein ästhetisches und durch Üben jederzeit perfektionierbares Ergebnis zu erzielen. Als Musikbibliothekarin lebte die Idee, dieses Instrument in der Bibliotheksarbeit einzusetzen, lange in mir fort und ließ mich nie wieder los. In der Bibliothek bin ich für die vielfältige Vielfaltarbeit – neudeutsch Diversitiy Management – zuständig, und in diesem Kontext wollte ich dieses Instrument und seine als Punkte auf ein quadratisches Papier fixierten „Noten“ einsetzen.

Veeh-Harfen

Nicht weniger angerührt war ich von der „Challenge“-Geschichte der Entstehung der Veeh-Harfe, die ein fränkischer Bauer, Hermann Veeh, ausgehend von der Akkordzither, seit den späten 80er-Jahren für seinen mit Trisomie 21 geborenen Sohn Andreas in vielen Jahren entwickelt und so lange verbessert hat, bis das gewünschte, hochwertige Instrument geboren war, mit dem sein Sohn am winterlichen Familienmusizieren teilnehmen konnte. Es sollte ohne Notenkenntnisse spielbar und mit allen anderen Instrumenten kombinierbar sein, es musste gut in der Hand liegen und einen ausgezeichneten Klang haben.
Veeh-Harfen gibt es in verschiedenen Größen: die Basisharfe, mit 18 Saiten ideal für Kinder, das Standardinstrument mit 25 Saiten und für versierte Spieler/innen die Solo-Veeh-Harfe mit 37 Saiten. Handgefertigte Einzelstücke sorgen für besondere Nuancen beim Klangerlebnis. Durch eine Bassbesaitung können die Basis- und Standard-Modelle eine Oktave tiefer erklingen, und wenn man die Notenblätter um je einen Saitenabstand verschiebt, ist jedes Musikstück in jede beliebige Tonart transponierbar. Verschiedene Hölzer wie einheimischer Ahorn und Fichte werden – den Inklusionsgedanken konsequent umsetzend – in enger Kooperation mit den Werkstätten der Lebenshilfe Bamberg, in denen auch Menschen mit Unterstützungsbedarf arbeiten, dafür verarbeitet und natur oder lackiert ausgeliefert. Veeh-Harfen können auf dem Schoß gespielt werden, auf dem Tisch oder auf eigens dafür angefertigten Ständern. Inzwischen gibt es weitere bauähnliche Tischharfen, die mit demselben „Noten“-Material spielbar sind: sie heißen Zauber- oder Harmonieharfe.

Konzeptentwicklung und Beginn der Umsetzung

Im März 2020 fiel mir sehr kurzfristig ein Förderprojekt des „Innovationsfonds Kunst“ in den Schoß. Ich beriet mich mit dem Leiter der Musikbibliothek, Axel Blase, und wir brachten in kürzester Zeit „Gemeinsam InTakt – mit Veeh-Harfen die Welt der Musik entdecken“ in der letzten Stunde des Abgabetermins auf den Weg. Und dann kam Corona. Wir bekamen keine Rückmeldung zu unserem Antrag. Im Juni bewarben wir uns mit einer ganz anderen innovativen Projektidee bei der Ausschreibung „Gesellschaft der Ideen“. Irgendetwas würde schon klappen. Im September war es plötzlich soweit. Wir hatten die Zusage für den gestellten Antrag in voller Höhe genehmigt bekommen – und legten sofort los: Konzept ausarbeiten, Gelder im Etat bereitstellen (das musste die Bibliotheksleitung organisieren), Sponsoren für den 20 %-igen Eigenanteil finden, Instrumente und Notenmappen aussuchen, bestellen und einarbeiten, Veeh-Harfenlehrer/innen suchen, Öffentlichkeitsarbeit planen, Kolleg/innen einbinden und vieles mehr. Vieles lief reibungslos, manches barg Herausforderungen. Corona dauerte an, und die zu unserem Konzept gehörenden Veranstaltungen wie eine wöchentlich stattfindende offene und inklusive Spielgruppe, Worskshops zum Kennenlernen für alle und die Seminare für Multiplikator/innen in sozialen Einrichtungen mussten warten. Wir planten Veranstaltungen für Mitarbeiter/innen in Hospizeinrichtungen, Sitzwachengruppen und der Trauerbegleitung, für Bewohner/innen von Einrichtungen für Menschen mit Unterstützungsbedarf, für Menschen in Pflegeeinrichtungen und vieles mehr. Verträge wurden immer wieder angepasst, Termine verschoben. Dafür hatten wir Zeit, um alles bestmöglich vorzubereiten. Die Einarbeitung der Noten und Instrumente – real und im Katalog, die Arbeit mit den Kooperationspartnern, die Vorbereitung der Webseite und vieles mehr. Zur Aufmunterung in dieser seltsamen Zeit buk ich mit den Harfenausstechern Harfen in verschiedenen Größen und Geschmacksrichtungen.

Kooperationspartner und eine Veeh-Geschichte

Beim Blättern im Buch „Silber-Blick“ von Horst Stanislaus, in dem die lange Geschichte der Veeh-Harfe dokumentiert ist, fiel mir eine Rechnung für eine 32-saitige Veeh-Harfe auf, die 1990 an die „Freunde der Gustav Werner Anstalten“ in Reutlingen gestellt wurde. Es war die erste Harfe, die verkauft wurde. Vergangenheit und Gegenwart fanden auf überraschende Weise zueinander, indem wir aufgrund der pandemiebedingten Vorschriften, die uns im eigenen Haus noch keine Veranstaltungen erlaubten, das erste ganztägige Seminar bereits im Mai für Multiplikatoren durch die Geschäftsleiterin Johanna Veeh-Krauß als Exklusivveranstaltung für Mitarbeiter/innen aller Sparten der BruderhausDiakonie organisierten. Nach einer langen Durststrecke mit wenigen persönlichen Begegnungsmöglichkeiten war es für viele die erste große Veranstaltung, und dementsprechend besonders wurde dieser Tag erlebt: harmonisch, konzentriert, intensiv, anregend, bereichernd. Besonders daran war auch, dass sich dadurch die Sparten „Altenhilfe“, „Behindertenhilfe und Sozialpsychiatrie“ sowie „Arbeit und Berufliche Bildung“ erstmals intern vernetzten. Bald nach diesem Seminar gingen die ersten Harfenanfragen bei uns ein; die Teilnehmer/innen hatten selbst Feuer gefangen und trugen die Musik in ihre Gruppen und zu ihren Klienten.

Beginn der Ausleihe und Veranstaltungen

Im Juni, als die Inzidenz-Zahlen erneut einen Sinkflug hinlegten, konnten wir plötzlich richtig durchstarten. Die Musikbibliothek, die wir aufgrund der Coronavorschriften als interne Arbeitsplätze benötigt hatten, konnte wieder für das Publikum freigegeben und der Informationsplatz besetzt werden. Das Pressegespräch, bei dem auch Mitarbeiter/innen der Bruderhausdiaknie berichteten, war der Auftakt zur Ausleihe und für die Veranstaltungen. Genau an diesem Tag kam das Rollup von der Druckerei, und auch die schönen Flyer hatten wir inzwischen erhalten. Die Resonanz war groß, und binnen zweier Wochen waren alle sechs Veeh-Harfen für die Einzelausleihe entliehen und zehn Reservierungen angelegt. Wir nahmen die Anmeldungen für die offene Spielgruppe entgegen, und sie war innerhalb kürzester Zeit ausgebucht. Nun machte sich die lange und gründliche Vorarbeit bemerkbar, und eine neue Idee kam zur anderen. Wir lernten Menschen kennen, die selbst schon lange eine Veeh-Harfe besitzen, in kleinen oder größeren Gruppen spielen und einige davon auch für Menschen in Pflegeeinrichtungen oder in der Hospizarbeit. Manche haben das Instrument vor langer Zeit gespielt und möchten wieder einsteigen. Sie alle freuen sich über eine große Notenauswahl in mehr als 200 Mappen, die von ganz leicht bis richtig knifflig, von ein- und mehrstimmig, für eine oder mehrere Harfen sowohl in Gruppenstärke als auch für zwei Harfen so gut wie alles bereithält. Wer damit noch nicht zufrieden ist, darf sich selbst ans Werk machen. Neben Freeware im Internet gibt es auch die Software Veeh-Noten® 4.0, die in der Musikbibliothek installiert ist, und mit dem jeder beliebige Song in Noten verwandelt werden kann oder eigene Stücke komponiert werden können. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Ein ganz realer Traum

Gesamtgesellschaftlich passen dieses Instrument und das Konzept exakt in eine Zeit, in der Begriffe wie Teilhabe, Inklusion, Vielfalt und interkulturelle Arbeit täglich mit Leben gefüllt werden, immer neue Initiativen und Projekte entstehen, von denen viele großzügig gefördert werden. Wir sind „positiv infiziert“ von dem Flow und der sehr großzügigen finanziellen Unterstützung auch von Reutlinger Stiftungen, mit dem wir das Projekt umsetzen können. Weitere Ideen wie eine für Kinder gut geeignete Basisharfe, neues Notenmaterial, eine zweite Spielgruppe und neue Kooperationspartner oder ein Konzert zum Abschluss des zweijährigen Projektes stehen im Raum. Unser Wunsch ist es, Menschen über Musik zusammenzubringen, die sich nie begegnet wären. Wir sind zuversichtlich, dass sich aus der wöchentlichen Spielgruppe heraus eigene Gruppen bilden werden, die selbstständig weitermusizieren und die Musik und die Faszination für das Instrument weitertragen werden. Wir möchten Menschen mit dem Harfenklang berühren, der tief geht und bei der Bewältigung von schweren Lebensphasen ein Helferbaustein sein kann. Wir möchten, dass alle Menschen ohne Hürde dieses Instrument spielen lernen und daran Freude haben können. Auch wer bisher dachte, unmusikalisch zu sein: die Veeh-Harfe wird jede/n eines Besseren belehren. Erste Rückmeldungen gehen genau in diese Richtung.
Und wir möchten die Stadtbibliothek Reutlingen als „Dritten Ort“ in der Stadtgesellschaft und darüber hinaus verankern, in dem Menschen sich begegnen, gemeinsam etwas tun und davon bereichert etwas für sich und vielleicht auch andere mitnehmen. Alle sollen sich in der Bibliothek wohlfühlen, jede/r soll etwas in ihr finden, was in der jeweiligen Lebenssituation zu ihr oder ihm passt. Die Bibliothek ist ein urbaner Treffpunkt, der offen, kommunikativ, lebendig und demokratisch allen Menschen Teilhabe anbietet. „Gemeinsam InTakt“ passt zu diesem Bibliothekstraum. Gleichzeitig ist es mein Berufstraum. So fühlt sich Glück an.

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