Wer A sagt, muss auch A lesen? Gedanken zum Alphabetisierungstag

von Clara Schilling.
Das Erste, was ich morgens nach dem Weckerklingeln mache, ist die Kurznachricht von der Tagesschau zu lesen, in der die Neuigkeiten des Tages zusammengefasst sind. Bevor ich das Haus verlasse, checke ich in der Bahn-App, ob mein Zug pünktlich ist. Am Bahnhof werfe ich einen Blick auf die Anzeige, ob das auch mein Zug ist, bevor ich einsteige. Bin ich dann im Zug, lese ich ein Buch, bis ich in Reutlingen bin. Während des Fußweges komme ich an vielen Plakaten vorbei, die ich überfliege. Am Arbeitsplatz lese ich  meine Mails und aktualisiere meine To-Do-Liste.
Was haben diese Dinge gemeinsam? Jedes einzelne kann ich nur tun, weil ich lesen kann. Doch das ist keine Selbstverständlichkeit.

Analphabetismus weltweit

Weltweit gibt es circa 860 Millionen Erwachsene, die nicht richtig lesen oder schreiben können. Zwei Drittel davon sind weiblich. Besonders schlimm ist die Lage in Nord- und Zentralafrika. In Niger sind mehr als 65 % der Einwohner/innen Analphabeten. Auch in Deutschland gibt es 6,2 Millionen Menschen, die nicht oder nur schlecht lesen und schreiben können. Das sind 7,5 % der Bevölkerung. Um daran zu erinnern, gibt es seit 1967 am 8. September den Weltalphabetisierungstag. Der Tag soll auf die Wichtigkeit von und das Recht auf Alphabetisierung aufmerksam machen.
Für viele Texte gibt es audio-/visuelle Alternativen, aber eben nicht für alles. Schrift nicht zu beherrschen, beraubt einen Menschen unvorstellbar vieler Informationsquellen und Handlungsmöglichkeiten. Wer Urlaub in einem arabischen oder asiatischen Land gemacht hat, kennt das verlorene Gefühl der Hilflosigkeit: Umgeben von Schrift, doch kein einziger Buchstabe ausmachbar, geschweige denn ein Wort oder einen Satz.
Bei einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung von 2012 schnitt Deutschland in der Lesekompetenz unterhalb des Durchschnitts ab. Die fehlenden Kompetenzen standen in hohem Zusammenhang mit der sozialen Herkunft. Analphabetismus wird durch das Umfeld beeinflusst. Dabei handelt es sich mehrheitlich nicht um Menschen mit Migrationshintergrund. Tatsächlich sind 58 % der Analphabet/innen in Deutschland Muttersprachler/innen.

Leichte Sprache als Einstieg ins Lesen und Schreiben

So genannte funktionale Analphabeten können Schrift nur eingeschränkt nutzen. Sie erkennen Buchstaben und können einzelne Wörter lesen. Für Erwachsene, die diese Kompetenzen erweitern und üben möchten, werden Texte teilweise in Leichter oder Einfacher Sprache verfasst. Leichte Sprache arbeitet mit kurzen Sätzen und vermeidet bestimmte grammatikalische Konstruktionen wie den Konjunktiv, das Passiv und den Genitiv. Es gibt aber nicht nur Informationen, sondern auch Romanbearbeitungen und eigens verfasste belletristische Texte und Kurzromane in Leichter und Einfacher Sprache.
Funktionaler und vollständiger Alphabetismus schränkt Menschen in ihrem privaten und beruflichen Umfeld ein, er erschwert auch die Teilnahme am gesellschaftlichen Geschehens. Um erwachsenen Analphabet/innen Kompetenzen zu vermitteln, gibt es zahlreiche Angebote von Bildungseinrichtungen wie Volkshochschulen und Bibliotheken. Durch die weltweite Pandemie  stehen diese Angebote vor einer neuen Herausforderung. Deshalb stellt die UNESCO den Weltalphabetisierungstag dieses Jahr unter das Motto „The right to literacy in times of COVID-19: The contribution of digital literacy and distance learning programmes.“

Was trägt die Stadtbibliothek Reutlingen bei?

In der Stadtbibliothek haben wir eine große Auswahl an Belletristik in Leichter und Einfacher Sprache. Dazu kommt  das neue Grundbildungsangebot „Leicht erklärt“, das die Belletristik durch Sachinformationen in Leichter und Einfacher Sprache ergänzt. Neben dem analogen Bestand werden auf unserer Webseite Linksammlungen zu Übungsplattformen, Themenheften und Informationen zu finden sein. 1991 hat die Stadtbibliothek Reutlingen bundesweit als erste Bibliothek angefangen, einen Bestand in Leichter Sprache aufzubauen und parallel dazu regelmäßig Veranstaltungs- und Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Dieses Jahr feiern wir das 30-Jährige Jubiläum mit einem kleinen Programm im Dezember.

Hier geht es zu unseren „Leicht zu lesen“ Büchern.

Bilder: pixabay

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